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krams.txt: Gunnar'sches Frühwerk 1: Ein Hauch von Haarspray

Ein Hauch von Haarspray

Kürzlich lenkte der Autor dieser Zeilen seine Schritte durch die nicht unbelebte Innenstadt eines regionalen Oberzentrums, als sein Augenmerk auf das Schaufenster eines örtlichen Frisörs fiel.
Besagtes Fenster zeigte nicht etwa, wie in der Branche üblich, großformatige Fotos von Profimodels mit samtweichen Haaren im Profil, um die ansässige Hausfrauenschaft zu demütigen. Nein, vielmehr drohte es ob der darin ausgestellten Pokale und Ehrenurkunden beinahe zu bersten und ertränkte den prüfenden Blick des Betrachters in einer Flut von Silber und Gold.
Zwinkern, neu fokussieren und genaueres Hinschauen verriet, daß es sich hierbei um Ehrungen handelte, die offenbar der Inhaber des Friseurladens bei diversen Landes- und Bezirksmeisterschaften erschnitten hatte. Bilder der siegreichen Frisuren, offenkundig inspiriert von der Haartracht amerikanischer Jugendlicher der frühen 50er, hingen ebenfalls dekorativ daneben und zeigten edle Jünglinge mit raffiniert geformten Haarhörnern, die Spitzen bedrohlich auf das Auge des Betrachters weisend.
Es gibt also Landesmeisterschaften für Friseure!
Warum überrascht mich das nur so? Wir sind doch in Deutschland, dem Geburtsland der Ehrenurkunde, und der Gedanke mit der Bezirksmeisterschaft erweist sich bei näherer Betrachtung als durchaus logisch und folgerichtig.
Mit ein wenig Fantasie vermag man sich leicht einen solchen Wettkampf vors innere Auge zu rufen: die Mehrzweckhalle des Vereins für Turnsport und Leibesübungen, geweiht zu einem Tempel der Haarkunst; Kreativität liegt knisternd in der Luft; ein Hauch von Haarspray durchzieht die Halle. Souveräne Preisrichter, Veteranen des Handwerks, durchmessen gravitätisch den Raum; überall nervös schwitzende Wettbewerber, die ärgerlich auf die Meisterwerke der Konkurrenten schielen und, natürlich, Modelle beiderlei Geschlechts mit anmutigen, der Schwerkraft nachlässig trotzenden Frisuren.
Kurzum, eine schöne Sache, die mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.
Dabei gerät man selbstverständlich ins Grübeln, wenn man, wie ich, von Haus aus gelernter Sozialpädagoge ist. Müßte es etwas derart Spannendes nicht auch für unsere ehrenwerte Profession geben?
Verwegene Bilder steigen da in meinem Geist auf:
Ein städtisches Jugendzentrum, geschlechtsneutral eingerichtet; Integrität liegt knisternd in der Luft; der stolze Vorjahressieger, der mit seinem Klienten vor die unbestechlichen Preisrichter tritt; der Klient, der, anfangs scheu, dann mutiger werdend, von seinen Therapieerfolgen erzählt ("Cornelius hat mir da unheimlich geholfen, als ich nicht so klarkam"); das konspirative Getuschel der Preisrichter ("Wie hat er das gemacht?", "Schwerpunktberatung?", "Gestalttherapie?", "Modelllernen?", "Abgerichtet wie ein Tier?"); ein güldener Pokal mit der Inschrift "SüdniedersächsischeR BezirksmeisterIn im Skinhead-Bekehren"in den Händen einer kräftigen Projekt-Initiatiatorin; Bewerber, die siegesbewußt Vorher-Nachher-Photos ihrer Klienten herumzeigen ("auf dem zweiten Bild ist sein Bewußtsein ganz klar erweitert"); jedenfalls eine mehr als fesselnde Angelegenheit.
Wäre das nicht sehr, sehr schön?

(c) by Gunnar Lott

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Reality is that which, when you stop believing in it, does not go away.

(Phillip K. Dick)

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